Luftbrücke nach Sarajevo
Am 4. Juli 1992 startet die erste Transall aus Hohn nach Sarajevo. Die Luftbrücke wird 42 Monate dauern.
Am 3. Juli 1992 geht im LTG 63 der Einsatzbefehl ein. Andere Nationen versorgen die eingeschlossene Bevölkerung Sarajevos zu diesem Zeitpunkt bereits aus der Luft, die deutsche Beteiligung war nur eine Frage der Zeit. Eine deutsche Transall war bereits am 5. Juni 1992 in Sarajevo gelandet. Als Transportmittel kommt allein dieses Muster in Frage, und die Verfahren dafür hat die Standardisierungsgruppe des Geschwaders federführend erarbeitet.
Warum der Anflug so schwierig war
Der Flugplatz von Sarajevo liegt in einem Talkessel, der sich nur nach einer Seite öffnet. Anflughilfen gibt es nicht, angeflogen werden kann er ausschließlich nach Sichtflugregeln. Dazu kommt ein zweites Problem: Die Transall ist im Anflug langsam und dadurch wenig wendig. Sie bleibt lange in Reichweite von Infanteriewaffen und Flugabwehr.
Aus dieser Lage entsteht ein eigenes Verfahren, das später als Sarajevo-Approach bekannt wird. Der Gedanke dahinter ist einfach und unbequem zugleich: die sichere Flughöhe so spät wie möglich verlassen, aber so früh wie nötig — und beim Abflug erst Geschwindigkeit aufbauen, dann so steil wie möglich steigen, um schnell aus dem gefährdeten Bereich zu kommen.
Sechzehn Stunden für einen Flug
Am 4. Juli 1992 startet die C-160D mit der Kennung 51+09 um 6:45 Uhr in Hohn. Über Wunstorf und Köln/Bonn nimmt sie Personal, Gerät und Hilfsgüter auf, darunter einen Gabelstapler für die Beladung in Zagreb. Um 11:20 Uhr landet sie in Zagreb. Dort kommen rund neun Tonnen Lebensmittel und Medikamente an Bord.
Der Weiterflug führt zunächst nach Westen bis Rijeka, dann die Adriaküste entlang nach Süden und über Split landeinwärts. Der erste Streckenabschnitt gilt noch als friedensmäßig; etwa über Split legen die Besatzungen die Splitterschutzwesten an. Nach der Freigabe durch den Tower geht es im steilen Sinkflug auf die Bahn zu. Um 15:20 Uhr setzt die Maschine auf. Am Rand der Bahn stehen die blauen Helme der UN-Soldaten, die den Flugplatz sichern. Kanadische und französische Soldaten entladen die Transall in kürzester Zeit — üblich sind etwa zwanzig Minuten Bodenzeit.
Um 22:05 Uhr landet die Besatzung wieder in Hohn. Rund sechzehn Stunden hat der Einsatz gedauert. Ihr eigenes Fazit fällt nüchtern aus: Die vorbereiteten Unterlagen stimmten mit den Verhältnissen vor Ort überein, die Funkverbindungen zwischen den Hilfsflugzeugen waren gut koordiniert, die Bodenorganisation in Sarajevo funktionierte.
Fliegen unter Beschuss
Mit diesen Flügen beginnt für die deutschen Transportflieger etwas Neues. Zum ersten Mal geht es in ein Gebiet, in dem auf sie geschossen wird. Im Cockpit und im Bereich des Ladungsmeisters werden Kevlar-Matten nachgerüstet, dazu kommen Radarwarnempfänger und eine Selbstschutzanlage. Die erste so umgerüstete Maschine steht allerdings erst am 5. Oktober 1992 bereit — die ersten Monate fliegt man ohne.
Am 25. August 1992 gerät eine Transall aus Hohn beim Start in Sarajevo unter Beschuss mit Handfeuerwaffen. Am selben Tag wird eine italienische Transportmaschine bei der Landung abgeschossen. Die Transportflüge ruhen daraufhin, bis der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Klaus Naumann, sie am 9. Oktober 1992 wieder freigibt.
Die Bilanz nach 42 Monaten
Am 9. Januar 1996 wird die Luftbrücke eingestellt, nach 42 Monaten. Sie ist damit die längste Versorgungsbrücke, an der sich Transportgeschwader der Luftwaffe je beteiligt haben. In 1.411 Einsätzen und 3.424 Flugstunden wurden 10.774 Tonnen Hilfsgüter und 3.881 Passagiere transportiert.
Parallel dazu läuft ab März 1993 eine zweite Versorgungsschiene für das bosnische Hinterland. Ortschaften in Ost-Bosnien sind belagert und für die UN-Bodentruppen nicht erreichbar; die Versorgung geht nur noch aus der Luft. Ab dem 29. März 1993 beteiligt sich die deutsche Luftwaffe an diesen High-Level-Drop-Einsätzen, gemeinsam mit amerikanischen und französischen Verbänden. Ein Kommando des LTG 63 liegt dafür auf der Rhein-Main Air Base. Aus rund 16.000 Fuß Höhe werden aus abgedunkelten Transall Versorgungsgüter abgesetzt. Diese Einsätze fordern weitere 400 Flüge mit 2.346 Flugstunden und 2.194 Tonnen Hilfsgütern und enden am 17. Januar 1996.
